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Wie unvoreingenommen sind Sie?

Geschrieben von Barbara Schülé | May 25, 2020 10:00:00 PM

Vor Kurzem habe ich den Gender-Science Test von Harvard gemacht, der im sehr empfehlenswerten Buch What Works: Gender Equality by Design von Iris Bohnet erwähnt wird. Dabei wird getestet, wie stark man die beiden Richtungen Science (Astronomy, Math, Chemistry, Physics, Biology, Geology, Engineering) und Liberal Arts (History, Arts, Humanities, English, Philosophy, Music, Literature) mit Männern oder Frauen assoziiert.

Zu meiner Verwunderung besagte mein Resultat, dass ich Naturwissenschaften stark mit Männern und Geisteswisschenschaften stark mit Frauen assoziiere. Das Testresultat erstaunte mich, zumal ich mich ganz anders einschätze. Eigentlich ging ich immer davon aus, dass ich bezüglich Geschlecht und Wissenschaft sehr wenig Vorurteile habe. Ich habe als eine der wenigen Frauen mit 200 Männern an der ETH in Lausanne Informatik studiert und habe sowohl einen sehr fortschrittlichen Mann als auch Vater. Niemand hat mich absichtlich in Rollen-Clichés gedrängt oder mir diese vorgelebt.

Zuerst habe ich versucht mir einzureden, dass der Test einfach blöd und nicht aussagekräftig ist. Er ist mir aber immer wieder durch den Kopf und es beschäftigte mich, dass ich trotz meiner persönlichen Erfahrung, die nicht den gängigen Vorurteilen entspricht, zu einem solchen Testresultat komme.

Ich bin in kurzer Zeit nach dem Test über mehrere meiner Vorurteile (unconscious bias) gestolpert, die eng mit diesem Thema verknüpft sind und das Testresultat untermauern.

Zuerst habe ich im Buch What Works: Gender Equality by Design von Iris Bohnet folgendes Rätsel gelesen:

A father and son are in a car accident. The father dies and the son is badly injured. He is taken to hospital, where the surgeon cries out: “I can’t operate on him; he’s my son!”

Peinlicherweise habe ich die Lösung nicht gefunden. Die Lösung ist natürlich, dass es sich bei der Chirurgin um die Mutter handelt. Speziell zum Nachdenken gebracht hat mich, dass ich in den letzten Jahren per Zufall ausschliesslich mit Chirurginnen und nicht mit Chirurgen zu tun hatte:

Als meine Tochter ihren Arm brach, hat sie eine muslimische Chirurgin operiert,die ich bei den Nachkontrollen und einer späteren Operation mehrmals gesehen habe. Sowohl bei der Geburt meiner Zwillinge als auch bei meinem dritten Kind wurde ich von einer Chirurgin operiert.

Das heisst, meine persönlichen Interaktionen der letzten Jahre sind von Chirurginnen geprägt, die ich zudem als äussert kompetent erlebt habe. Trotzdem hält sich in meinem Kopf hartnäckig das Vorurteil, dass ein Chirurg männlich ist.

Das 2. Beispiel betrifft meine Schulkarierre. Abgesehen von meiner Kindergartenlehrerin hatte ich während den nächsten 8 Schuljahren aussliesslich Lehrer: Von der 1. Primarschule bis Ende Sekundarschule hatte ich ausschliesslich männliche Lehrpersonen (abgesehen von der Handarbeit- und Hauswirtschaft-Lehrkraft). Und trotzdem sehe ich sofort eine Frau vor mir, wenn ich an eine Lehrkraft auf Primarstufe denke.

Ich habe auch meine Gymi-Erfahrung bezüglich Fächern und Geschlechter genauer unter die Lupe genommen. Meine Lehrpersonen im Gymi waren so verteilt, dass die geisteswissenschaftlichen Fächer Deutsch, Englisch, Französisch, Latein (auf Sek-Stufe), Kunst und Musik von Männern unterrichtet wurde, und die naturwissenschaftlichen Fächer Mathematik und Biologie von Frauen.

Ich hätte also genügend Gelegenheit gehabt, mit gängigen Klischees zu brechen oder diese gar nicht erst zu verinnerlichen. Zudem habe ich selbst ein naturwissenschaftliches Studium und entspreche auch hier nicht der Norm.

Ich hätte eigentlich erwartet, dass, wenn die persönliche Erfahrung konträr zu gängigen Vorurteilen ist, diese nicht oder nur schwach verinnerlicht werden. Zumindest ich scheine diese aber trotzdem stark übernommen zu haben. Haben mich Serien, Werbungen und Bücher tatsächlich stärker geprägt als meine eigene Erfahrung?

Möchten Sie wissen, wie stark Sie selbst solche Vorurteile verinnerlicht haben? Testen sie sich unter https://implicit.harvard.edu/implicit/selectatest.html .

 

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