Inclusive language

Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung

Bei inklusiver Sprache geht es darum, alle Geschlechtsidentitäten abzubilden und nicht um die sexuelle Orientierung. Aber was ist genau der Unterschied?

Gingerbread person

Kürzlich meinte die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler in der SRF Sternstunde Philosophie zum Thema «auf dem Weg zur hypersensiblen Gesellschaft», dass der Genderstern bald nicht mehr ausreiche, um alle Geschlechtsidentitäten abzubilden und dass irgendwann alle LGBTIQ+-Menschen repräsentiert sein wollen. Barbara Bleisch widersprach und meinte, dass natürlich kein Mensch sagen wird «liebe ZuschauerLGBTIQ*innen». LGBTIQ+ sei lediglich eine Abkürzung. Recht hat sie.
Svenja Flaßpöhler argumentierte für das generische Maskulinum, das sei neutral und würde alle abbilden. Das dem nicht so ist, könnte mensch langsam wissen oder eventuell nochmals das Beispiel mit dem Chirurgen, der eine Frau ist und deshalb sein Kind nicht operieren kann, bringen? Hier gerne zum Nachlesen.

Das Beispiel aus der Sternstunde Philosophie zeigt, wie LGBTIQ+-Menschen im Streit um inklusive Sprache vor die Karre gespannt werden. Völlig unsachlich einfach mal reingrätschen und sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentitäten durcheinander werfen. Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung sind zwei unterschiedliche Dinge. LGBTIQ+ ist eine Abkürzung, die Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen umfasst. Es geht also nicht nur um Geschlechter oder Geschlechtsidentitäten. LGB, also Lesben, Schwule und bisexuelle Menschen dürften sich womöglich mit der männlichen und weiblichen Form angesprochen fühlen und werden abgebildet, wenn binär gesprochen oder geschrieben wird (liebe Zuschauerinnen und Zuschauer). Nicht-binäre Menschen hingegen nicht, weil eben sprachlich nur die männliche und weibliche Form zum Einsatz kommen. Darum der Versuch mit Genderstern, Doppelpunkt und anderen Methoden eine Inklusion hinzubekommen, die alle repräsentiert.

Was heisst LGBTIQ? Schwul, lesbisch, reicht das nicht?

LGBTIQ+ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Inter und Queer, das + oder * wird oft verwendet um noch weitere sexuelle Orientierungen (wie zum Beispiel Asexuelle) oder Geschlechtsidentitäten abzubilden, zum Beispiel Agender (also Menschen, die sich überhaupt gar nicht auf dem Spektrum Mann-Frau wiederfinden. LGB sind also sexuelle Orientierungen. Trans hingegen beschreibt Menschen, denen bei der Geburt aufgrund ihrer biologischen Merkmale, das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Mit der sexuellen Orientierung hat das nichts zu tun. Inter Menschen «sind Menschen, deren körperliches Geschlecht (beispielsweise die Genitalien oder die Chromosomen) nicht der medizinischen Norm von ‘eindeutig’ männlichen oder weiblichen Körpern zugeordnet werden kann, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegt. Bis heute werden die Genitalien von inter Kindern nach der Diagnose operativ einem der beiden der medizinischen Norm entsprechenden Geschlechter, meist dem weiblichen, angeglichen. Dies geht teilweise mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen und psychischen Problemen einher.» (Queer-Lexikon.net) Immer wieder erschreckend, das zu lesen, gerade auch während in Europa ein breiter Diskurs über körperliche Integrität und Selbstbestimmung wegen der Covid-Impfung geführt wird. Anderes Thema.

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(Quelle: Instagram)

Die Genderbread-Person ist ein anschauliches Modell, das die Komplexität herunter bricht und den Unterschied zwischen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität aufzeigt. Denn bei inklusiver Sprache geht es eigentlich nicht um die sexuelle Orientierung, sondern eben um Geschlechtsidentitäten, also darum, Frauen abzubilden – finde es immer wieder krass, dass wir uns überhaupt noch darüber unterhalten, streiten müssen – aber eben auch alle anderen Geschlechtsidentitäten. Svenja Flaßpöhler bringt also zwei unterschiedliche Dinge durcheinander, um für das generische Maskulinum zu argumentieren. Viele dürften sich von dem immer länger werdenden Akronym etwas verunsichert fühlen, das ist verständlich, aber gleichzeitig ist es auch positiv, dass queere Menschen mehr und mehr Repräsentation und Worte für sich selbst finden.

"Tatsächlich üben Worte eine typisch magische Macht aus: sie machen sehen, sie machen glauben, sie machen handeln." (Pierre Bourdieu)

Rico Schüpbach

Rico Schüpbach studied Business Communications (B.Sc.) at the University of Applied Sciences in Zurich and is currently in Buenos Aires. They started their career in the communication field in 2008 as a trainee at a lifestyle magazine. Rico has always been fascinated by the power of professionally produced images, aesthetics and texts, and therefore shifted to advertising and then to public relations. While pursuing their bachelor’s degree, Rico started to deepen their knowledge of gender and queer studies. ​In 2018, Rico received their Master’s Degree in International Studies on Media, Power, and Difference from the Universitat Pompeu Fabra in Barcelona.

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