«Wie lauten deine Pronomen?»

Viele trans, non-binäre Menschen werden häufig mit den Pronomen angesprochen, die nicht mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmen.

Frau mit Namensschild

Seit ich anfangs Januar nach Buenos Aires, Argentinien gezogen bin, höre ich diese Frage viel öfter. Ich muss dazu sagen, dass ich mich oft in der Ballroom- und LGBTIQ-Community bewege. Aktuell fast ausschliesslich weil es mein Safe Space ist. Bei guter Laune knüpfe ich Kontakt zur cis het patriarchalen Aussenwelt, hehe.

Chatverlauf auf Spanisch

Das Beispiel oben ist die Anmeldung zu einem Drag-Make-up-Workshop, bei dem ich nach Pronomen gefragt werde. Ich antworte, dass aktuell el (er) und ella (sie) für mich in Ordnung seien. Es gäbe auch noch die neutrale Variante elle als weitere Option. Von der spanischen, royalen Sprachakademie natürlich nicht anerkannt, aber für koloniale Einmischungen haben hier sowieso die wenigstens Geduld.

Als non-binäre Person ist es sehr angenehm, dass diese Frage normalisiert wird, weil die fragende Person davon ausgeht, dass sie mir das Geschlecht aufgrund äusserlicher Merkmale nicht einfach ansehen kann. Mag verwirrend klingen, im Alltag ist es aber durchaus weniger theoretisch als gedacht. Mensch gewöhnt sich daran, neue Bekanntschaften einfach kurz zu fragen, mit welchen Pronomen sie sich wohlfühlen und fertig. Passiert es dann mal, dass ich die falschen Pronomen verwende, ist das auch nicht weiter schlimm. Eine kurze Entschuldigung, ohne die Sache gross zu dramatisieren und weiter geht’s. Wenn das passiert, vor allem nicht verlangen, dass die andere Person beschwichtigende und beruhigende Worte übrig hat. Noch mehr emotionale Erklär-Arbeit, bitte nicht. Die bleibt sowieso oft genug an Frauen und queeren Menschen hängen.

Rico SchüpbachWarum ist dieses Pronomen-Thema so wichtig? Nun, viele trans, non-binäre Menschen oder generell alle, die sich nicht in der Binarität wiederfinden, werden häufig misgendert. Also mit den Pronomen angesprochen, die nicht mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmen. Das löst gelinde gesagt sehr ungute Gefühle (Dysphorie) aus. Im Alltag teilt die Mehrheitsgesellschaft Menschen in zwei Kategorien ein, in Männer und Frauen. Egal, ob an der Supermarktkasse, beim Online-Formular, im Schwimmbad, im Restaurant, wo auch immer. Auf die Toilettenthematik gehe ich jetzt nicht ein, die wurde ja bereits ausgiebig und polemisch diskutiert.

Die Gesellschaft tut sich leider unglaublich schwer mit Menschen, die nicht ins binärgeschlechtliche System passen oder passen wollen. Auf trans Menschen wird besonders grosser Druck ausgeübt, sich doch einfach mal zu entscheiden. Viele meinen, dass eine Transition von einem Geschlecht zum anderen verläuft. Das kann sein, also dass mensch bei der Geburt zwar dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurde, aber eigentlich eine Frau ist und auch dementsprechend äusserlich auftreten und angesprochen werden will. Wer sogenannt «cis passed» - also nicht als trans Person erkennbar ist -, hat es im Alltag oft leichter, weil mensch nicht auffällt und im binären Geschlechtersystem entweder als Mann oder Frau gelesen wird.

Ich persönlich habe als Non-binäre kein Bedürfnis zu passen. Selbstverständlich beziehe ich mich in meinem Geschlechtsausdruck auch auf Referenzen wie «männlich» «weiblich», aber ich versuche mich stark davon zu lösen und einfach das zu tun, was mir gerade gefällt. Aber auch das ist nicht allgemein gültig, es gibt keinen «non-binary-Look», alles ist möglich und sehr individuell. Wenn ich keine Energie für Blicke, Sprüche oder sonstige unangenehme Situationen im Alltag habe, dann greife ich auf meine Männlichkeitsperformance zurück. Für mich ist es tatsächlich eine Performance. Ich bediene mich dabei an Codes, mit denen ich sozialisiert wurde. Was schade ist, weil ich als non-binäre Person einfach gerne anziehen und mich so geben möchte, wie ich mich gerade fühle. Eigentlich ja keine grosse Sache, aber in der Realität eben irgendwie schon. Bereits als Kind wird uns beigebracht, was sich als Mädchen oder eben Junge gehört und was nicht.

Wie die inklusive Sprache generell ist auch die Frage nach den Pronomen lediglich ein Puzzle-Teil im grossen Ganzen und natürlich nicht die Lösung aller Probleme. Mit Problemen meine ich konkret cis het patriarchale Gewalt gegen LGBTIQ-Menschen. Behördliche Gewalt, in dem es keinen Raum für Nicht-Binarität gibt, psychische Gewalt in Institutionen, bei Arbeitgeberinnen, etc. oder ganz konkret auch physische Gewalt, die leider aktuell ist, auf der Strasse.

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Credit for the picture goes to @enepuntoguion,
Credit: www.instagram.com/enepuntoguion

Rico Schüpbach

Rico Schüpbach studied Business Communications (B.Sc.) at the University of Applied Sciences in Zurich and is currently in Buenos Aires. They started their career in the communication field in 2008 as a trainee at a lifestyle magazine. Rico has always been fascinated by the power of professionally produced images, aesthetics and texts, and therefore shifted to advertising and then to public relations. While pursuing their bachelor’s degree, Rico started to deepen their knowledge of gender and queer studies. ​In 2018, Rico received their Master’s Degree in International Studies on Media, Power, and Difference from the Universitat Pompeu Fabra in Barcelona.

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